Grünlandinitiative der Bürgerstiftung ‚Unser Land‘ Rheingau und Taunus

Wo sind sie geblieben, die bunten Wiesen im Rheingau, Taunus und Wiesbaden?

Grünland gehört zu unserer Kulturlandschaft, zur Mittelgebirgsregion Taunus und Rheingau, zum Rhein und Main. Wiesen haben in der Offenlandschaft außerhalb des Waldes viele Funktionen. Sie gliedern die Landschaft und prägen das Landschaftsbild, sie vernetzen große Landschaftsteile, sie sind die wichtigste Grundlage für die Tierhaltung und damit für die Ernährungssicherung, sie sind existenzieller Lebensraum zahlreicher Pflanzen und Tiere.
Sie sind – nicht zuletzt – auch ein wichtiger Lebens- und Erholungsraum für den Menschen.

Hussing 2014

Artenreiche Glatthaferwiese (HUSSING 2014)

Grünland ist einer der ‚Treiber‘ der biologischen Vielfalt in Europa.

Wiesen gehören zu den artenreichsten Biotopen weltweit. Von ca. 4.000 in Mitteleuropa vorkommenden Pflanzenarten sind 1.000 Arten direkt dem Grünland zu zuordnen. Bis zu 6.000 Tierarten sind direkt auf das Grünland angewiesen, wie beispielsweise Vögel, Säugetiere und vor allem Wirbellose. Von 436 Tagfalterarten in Europa kommen im Grünland 280 Arten vor

Etwa 20 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands sind Grünland. Allerdings sind nur noch maximal 20 Prozent davon als artenreiches und mittelratenreiches Grünland anzusprechen. Weniger als 10 Prozent des Grünlandes liegen in Schutzgebieten.

Die Grünlandgesellschaften unserer Region waren und sind Glatthaferwiesen der Tallagen und des mittleren Berglandes (Vortaunus und Rheingau), Goldhaferwiesen und Borstgras­rasen des höheren Berg-landes sowie auf feuchteren Standorten Kohldistel- und Pfeifengras­wiesen. Borstgraswiesen im Taunus waren vor allem auf ehemaligen Heideflächen weit verbreitet.

Rolf Hussing

Wiesenglockenblume (HUSSING 2007)

Wiesen (Grünland, Kulturgrasland, Dauerwiesen) werden traditionell beweidet und/oder gemäht (Heunutzung). In der Regel wurden Mähwiesen zwei bis maximal dreimal im Jahr geschnitten und mäßig gedüngt, auch mal vor- und nachbeweidet. Die Menge des organischen Düngers richtete sich oft nach der Entfernung der Wiese zum Bauernhof. Nahe gelegene Wiesen wurden meist stärker gedüngt, Jungvieh in der Nähe des Hofes gehalten.

Pustataler Rinder, Grorother Mühle Wiesbaden Schierstein (HUSSING 2010)


Die große Veränderung

Mit der Entwicklung des Mineraldüngers sowie der maschinellen Ausstattung der Landwirtschaft ab dem Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich die Art und Weise und die Intensität der Grünlandbewirtschaftung. Vieh wurde zunehmend ganzjährig in Ställen gehalten. Aber bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Wiesen traditionell 1-3mal zum richtigen Zeitpunkt (gute fachliche Praxis) gemäht und/oder beweidet sowie mehr oder weniger schwach gedüngt. Gräser und Blütenpflanzen ‚blühten‘ im Frühsommer und Frühherbst prächtig. In einer normalen Glatthaferwiese waren bis zu 45 Pflanzenarten nachzuweisen, in einer trockenen, mageren und ungedüngten Glatthaferwiese bis zu 65 Arten und mehr. Die Wiesen-Primel (Wiesen-Schlüsselblume) gehörte auf großen Flächen bis in die 60er Jahre zum Inventar einer Heuwiese und war in unserem Land weit verbreitet.

Die großflächige Intensivierung der Graswirtschaft und die Umstellung der Landwirtschafts­betriebe auf große Viehbestände beginnen dann Mitte des 20. Jahrhunderts.

  • Die Flächen werden– oft mehrmals im Jahr – mit bis zu 150 kg Stickstoff (N) je Hektar und Jahr in Form von Mineraldünger, Gülle und Klärschlamm gedüngt. Hinzu kommen noch Stickstoffeinträge aus der Luft, je Jahr und Hektar zwischen 15 und 25 kg/N je nach geographischer Lage.
  • Sehr negativ wirken auch die Einführung des Vielschnittes (vier und mehr Schnitte) und die Verlegung von Schnittzeitpunkten vor die Pflanzenreife.
  • Die ganzjährige Haltung von Weidetieren auf Wiesen und Brachen ist heute in vielen Gebieten verschwunden.
  • Nicht zu unterschätzen für den Artenverlust ist außerdem der Grünlandumbruch der letzten Jahrzehnte (ca. 875.000 ha in Deutschland). Diesem sind gerade auch im Taunus viele Sonderstandorte von artenreichem Grünland zum Opfer gefallen. (Seit etwa 2010 ist glücklicherweise das Grünlandumbruchverbot eingeführt worden.)
  • Auch ist vermehrt die Verbrachung von Grünland vor allem in engen Talauen oder auf schwierigem Gelände (meist Hangwiesen) mangels technischem Gerät und auch fehlender Landwirtschaftsbetriebe mit Viehhaltung festzustellen.
  • Die vorhandenen Schutzgebiete reichen nicht aus, den Artenbestand des Grünlandes nachhaltig zu sichern. Das Insektensterben ist nur eine Folge davon.
  • Beschleunigt wird die Verschlechterung des Grünlandes auch durch fehlende Artenkenntnisse, fehlendes Wissen über die Vielfalt im Grünland, über ökologische Zusammenhänge, fehlende gute fachliche Praxis.

Dies alles veränderte die Zusammen­setzung der Grünlandpflanzengesellschaften und reduzierte die Artenzahl einer Wiese erheblich und nachhaltig. Auf großen Flächen des Wirtschaftsgrünlandes, auf denen noch vor ca. 70 Jahren durchschnittlich 40 bis 50 Pflanzenarten gezählt wurden, findet man heute weniger als 15 Arten.

Der Verlust an Pflanzen und deren Blüten und Ähren bedeutet auch einen hohen Verlust an Tierarten. Zahlreiche Wiesenpflanzen, die noch in wissenschaftlichen Arbeiten (wie z. B. der Rheingau-Flora von Grossmann – Erfassungszeitraum von 1860 bis 1970) als häufig verbreitet bezeichnet wurden, stehen heute auf der Roten Liste und sind hoch gefährdet oder sogar verschollen.

Es bedarf eine Kehrtwende – und das schnell.

Wiesen sollen wieder Wiesen werden. Blütenpflanzen und Gräser sollen wieder zur Reife kommen. Insekten und andere Tiere sollen ihre Nahrungsgrundlage wiedererhalten. Heu soll wieder kräuterreich sein. Die Tierhaltung muss sich grundsätzlich ändern. Grünlandnutzer müssen dabei unterstützt werden.
So könnte man mit wenigen Worten den Bericht der Zukunftskommission Landwirtschaft (2021) für Grünland zusammenfassen.

Der Weg und das Ziel

Rolf Hussing

Wiesen-Primel (HUSSING 2004)

Viele wissen und verstehen mittlerweile den Zusammenhang von Lebensmittelpreisen, Bewirtschaftung von Boden und Tieren, Biodiversität und gesunder Ernährung.

Die Neuregelung der Düngung – eine Düngung angepasst an den jeweiligen Standort und Pflanzenartenpotential – ist ein Schlüssel zur biologischen Vielfalt in Wiesen.  Der Wiesenschnitt (Mahd) nach der Pflanzenreife ist der zweite Schlüssel.

Die Lösung für mehr Biodiversität heißt mehr Extenisiv-Grünland,
– wo immer es geht,
–   zum Wohl der gehaltenen Tiere,
–   zum Wohl von Mensch und Natur,
und nicht zuletzt
–   zum Wohl einer auskömmlichen Landwirtschaft.

Hierzu brauchen wir die Grünlandbewirtschafter, die Landwirte und Eigentümer als Partner. Hierzu brauchen wir auch neue Wege der Finanzierung.

Die Bürgerstiftung hat sich zum Ziel gesetzt, mit der Initiative ‚artenreiches Grünland‘ zunächst einmal Wissen über Grünland bereitzustellen. Im zweiten Schritt suchen wir gute Beispiele extensiver Grünlandwirtschaft mit Landwirtschaftsbetrieben sowie Wieseneigentümern (Kirche, Kommunen, Hobby-tierhalter u. v. m.) als Partner, die ‚Schule‘ machen (z. B. die Erweiterung der Wiesenmeisterschaften des Landschaftspflegeverbandes Rheingau-Taunus u. v. m.). Besuche von Betrieben und Exkursionen werden diese Aktivitäten begleiten.

Die Bürgerstiftung erfindet das Rad nicht von Neuem. Sie unterstützt und baut vielmehr auf die Erfahrungen des Landschaftspflegeverbandes, der Bauernverbände, dem Naturpark Rhein Taunus, des Regionalmanagements, der Agrar- und Naturschutzverwaltungen und Verbände sowie des Kreises, der Stadt Wiesbaden und der Kommunen in der Region. Die Bürgerstiftung strebt zukünftig dazu einen stetigen Austausch der Akteure im Grünland an.

Wir formulieren unser Vorhaben so:

–   Das schützenswerte Kulturgut Grünland verdient eine höhere Aufmerksamkeit.

–   Wir brauchen wieder mehr artenreiches Grünland in der Region.

–   Die Verbrachung von Grünland ist zu stoppen und umzukehren.

–   Weidetiere gehören auf die Weide.

–   Das Mulchen von Grünland sollte nur noch die absolute Ausnahme sein.

–   Die Düngung sollte die Artenvielfalt einer Wiese ermöglichen, erhalten
oder wiederherstellen.

Schwerpunkte zu Beginn der Initiative ‚artenreiches Grünland‘

HUSSING 2016

Knautie oder Wiesen-Witwenblume (HUSSING 2016)

Die Bürgerstiftung wird in diesem Jahr wichtige Grünlandbiotope vorstellen, mit Informationen zu Pflanzengesellschaften, Artenzahlen, Kennarten, einzelne Pflanzenporträts, zur Bewirtschaftung sowie zu Musterbeispielen und Partnern:
–   die Glatthaferwiese oder auch Flachlandmähwiese (tiefere Lagen):
–   die Goldhaferwiese (höhere Lagen), Bergwiesen (und montane Glatthaferwiese):
–   der Borstgrasrasen (höhere Lagen)
–   die Pfeifengraswiese
–   die Kohldistelwiese
–   Vernetzungsgrünland an Straßen und Wegen (gehölzfreie Grünlandstreifen/Raine)

Wir freuen uns, Sie als Interessierte und Partner zu gewinnen und stehen Ihnen mit professioneller Beratung, Vermittlung und Unterstützung auch für private Grünlandprojekte zur Verfügung.

Hinweise auf artenreiche Wiesen und besondere Wiesenpflanzen nehmen wir gerne entgegen: mhr-hsgm@posteo.de.

Rolf Hussing, Vorstandsmitglied


Fachtexte

–  Fachartikel Glatthaferwiese:  220424_Die-Glatthaferwiese